Was ist eine heuristische Evaluation?
Die heuristische Evaluation gehört zu den Methoden der Usability-Inspection. Sie wurde von Rolf Molich und Jakob Nielsen (1990) gemeinsam entwickelt. Bei der heuristischen Evaluation untersuchen drei bis fünf Experten unabhängig von einander dieselbe Website auf Grundlage von allgemein anerkannten Prinzipien - den Heuristiken. Molich und Nielsen stellten eine Liste von neun Heuristiken zusammen, die Nielsen (1994b) später noch um einen zehnten Punkt ergänzte:
- Sichtbarkeit des Systemstatus:
Das System soll die Benutzer ständig darüber informieren, was geschieht, und zwar durch eine angemessene Rückmeldung in einem vernünftigen zeitlichen Rahmen. - Übereinstimmung zwischen dem System und der realen Welt:
Das System sollte die Sprache des Benutzers sprechen, und zwar nicht mir systemorientierter Terminologie, sondern mit Worten, Phrasen und Konzepten, die den Benutzern vertraut sind. Dabei soll die natürliche und logische Reihenfolge eingehalten werden. - Benutzerkontrolle und -freiheit:
Benutzer wählen Systemfunktionen oft fälschlicherweise aus und benötigen einen „Notausgang“, um den unerwünschten Zustand wieder zu verlassen. Dazu dienen Undo- und Redo-Funktionen. - Konsistenz und Standards:
Benutzer sollten sich nicht fragen müssen, ob verschiedene Begriffe oder Aktionen dasselbe bedeuten. Deshalb sind Konventionen einzuhalten. - Fehlerverhütung:
Noch besser als gute Fehlermeldungen ist ein sorgfältiges Design, das Fehler verhütet. - Wiedererkennen, statt sich erinnern:
Objekte, Optionen und Aktionen sollten sichtbar sein. Die Benutzer sollten sich nicht an Informationen aus einem früheren Teil des Dialogs mit dem System erinnern müssen. Instruktionen sollen sichtbar oder leicht auffindbar sein. - Flexibilität und Effizienz der Benutzung:
Häufig auftretende Aktionen sollten vom Benutzer angepasst werden können, um Fortgeschrittenen eine schnellere Bedienung zu erlauben. - Ästhetik und minimalistisches Design:
Dialoge sollten keine irrelevanten Informationen enthalten, da die Informationen um die Aufmerksamkeit des Benutzers konkurrieren. - Hilfe beim Erkennen, Diagnostizieren und Beheben von Fehlern:
Fehlermeldungen sollten in natürlicher Sprache ausgedrückt werden (keine Fehlercodes), präzise das Problem beschreiben und konstruktiv eine Lösung vorschlagen. - Hilfe und Dokumentation:
Jeder Information der Hilfe oder Dokumentation sollte leicht zu finden sein, auf die Aufgabe abgestimmt sein und die konkreten Schritte zur Lösung auflisten. Außerdem sollte sie nicht zu lang sein. (Schweibenz & Thissen, 2003, S. 101)
Die Ergebnisse der Experten werden zusammengefasst und von Überschneidungen bereinigt. Anschließend wird jedes identifizierte Problem mit einem Schweregrad bewertet - wie häufig tritt ein Problem auf und wie gravierend beeinträchtigt es die Nutzung der Site. Auf dieser Grundlage lässt sich eine Prioritätenliste für die Behebung der Probleme erstellen. Zu jedem Problem wird außerdem ein Lösungsvorschlag gegeben.
Nielsen (1994a) fand in einer Untersuchung heraus, dass ein einzelner Experte durchschnittlich nur 35 Prozent der vorhandenen Probleme identifiziert. Drei bis fünf Gutachter entdecken dagegen etwa 75 Prozent der Schwachstellen (Nielsen, 1992). Werden mehr Experten eingesetzt nimmt die Anzahl der zusätzlich entdeckten Probleme (s. Abbildung) rapide ab.
Abbildung - Anzahl der durch die heuristische Evaluation gefundenen Usability-Probleme in Bezug zur Anzahl der Experten (nach Nielsen, 1994a, p. 33).
In der Praxis wird die heuristische Evaluation eher selten eingesetzt. Denn vom finanziellen Aspekt her gesehen, ist sie durch den Einsatz von mindestens drei Experten nicht viel günstiger als ein Usability-Test. Stattdessen setzt sich mehr und mehr das Exerten-Review, häufig auch in Ergänzung zum Usability-Test, durch.
Molich, R. & Nielsen, J. (1990). Improving a human-computer dialogue. Communications of the ACM 33, 3 (March), 338-348.
Nielsen, J. (1992). Finding Usability Problems Through Heuristic Evaluation. Proceedings of the CHI’92 Conference, The Association for Computing Machinery, Special Interest Group on Computer Human Interaction, 3-7 May 1992, 373-380, Monterey, CA. New York: ACM Press.
Nielsen, J. (1994a). Heuristic Evaluation. In J. Nielsen & R. L. Mack (Eds.), Usability Inspection Methods. (pp. 25-62). New York: John Wiley & Sons.
Nielsen, J. (1994). Enhancing the explanatory power of usability heuristics. Proceedings ACM CHI’94 Conference, 24-28.
Schweibenz, W. & Thissen, F. (2003). Qualität im Web. Benutzerfreundliche Webseiten durch Usability Evaluation. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag.




